60 Jahre Freiheit, Vielfalt und Verantwortung
Ansprache von Landtagspräsidentin Regina van Dinther
anlässlich des gemeinsamen Festakts "60 Jahre NRW" von Landtag und Landesregierung am 25. Oktober 2006 in der Tonhalle, Düsseldorf

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
verehrte Gäste,
 
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger Nordrhein-Westfalens!
 
I. Es ist mir Ehre und Freude zugleich, Sie nach den einleitenden Klängen von Schumanns "Rheinischer Symphonie" und den eindrucksvollen Bildern in der Düsseldorfer Tonhalle begrüßen zu dürfen. Gemeinsam feiern wir 60 Jahre Land und Landtag Nordrhein-Westfalen, wir feiern 60 Jahre Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt der Menschen in unserem Land. Meine Freude ist groß, weil so viele Gäste der Einladung von Ministerpräsident Rüttgers und mir gefolgt sind: Repräsentanten aus Rechtsprechung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der konsularischen Vertretungen und unserer Partnerprovinzen und nicht zuletzt von Bund und Ländern. Stellvertretend für alle Gäste heiße ich Bundeskanzlerin Angela Merkel zu unserem Festakt willkommen. Ich freue mich sehr, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie bei uns sind. Ebenso herzlich begrüße ich: den ehemaligen Ministerpräsidenten unseres Landes, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, den Präsidenten eines ebenso stolzen Landtags, den bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück sowie den Oberbürgermeister unserer Landeshauptstadt Düsseldorf und Hausherrn dieser schönen Tonhalle, Herrn Joachim Erwin.
 
II. 60 Jahre Land und Landtag Nordrhein-Westfalen: Dieses historisch bedeutsame Ereignis verdanken wir den Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit sechs Jahrzehnten für unser Land stark machen, die Vertrauen in die Zukunft unseres Zusammenlebens setzen und heute durch die Bürgermeister und Landräte symbolisch vertreten sind. Auch Sie begrüße ich mit herzlicher Freude. Heinrich Heine, der große Sohn unserer Landeshauptstadt Düsseldorf, sagte einst: "Deutschland - das sind wir selber." Dem stimmen wir sicher alle zu. Nur durch die Bereitschaft zur aktiven politischen Gestaltung bleibt eine Demokratie lebendig. Wie lebendig, das haben die Menschen unseres Landes in 60 Jahren eindrucksvoll bewiesen. Deshalb können wir heute stolz in Anlehnung an Heine sagen: "Nordrhein-Westfalen - das sind wir selber." Ein Land mit über 18 Millionen Menschen, die sich ihrer historischen Leistungen bewusst sind. Aber sie kennen auch ihre künftigen Herausforderungen.
 
III. Unser Weg aus den tiefsten Schluchten der Unmenschlichkeit, der Nazi-Diktatur, hin zu den Gipfeln der Demokratie war lang und steinig. Dass wir selbst in schweren Zeiten nicht von diesem Weg abgekommen sind, das ist der Verdienst aller Menschen, die sich für unser Land engagiert haben. Ihnen sind wir zu besonderem Dank verpflichtet: Damit meine ich zunächst unsere engen Freunde aus Großbritannien, die uns den Weg in eine weltoffene und tolerante Gesellschaft geebnet haben. Sie haben uns bei unseren ersten Schritten in die Demokratie fest an die Hand genommen - und uns den Weg schließlich eigenständig weitergehen lassen. Dank der Zuversicht der Militärregierung in den Erfolg von "Operation Marriage" ist die anfängliche "Vernunftehe" der Landesprovinzen längst zu einer "innigen Liebe" von Rheinländern, Westfalen und Lippern herangereift. - Ihrem Schmunzeln entnehme ich, dass ich da richtig liege. Nachdem wir vor fast zwei Jahren die Ehre, ja ich möchte sagen: das wunderbare Erlebnis hatten, Ihre Majestät Königin Elizabeth II. im Landtag begrüßen zu dürfen, ist die Freude groß, dass heute mit der Herzogin von Gloucester das britische Königshaus wiederum vertreten ist. Königliche Hoheit, Sie sind uns von Herzen willkommen! Der Dank gilt ebenso allen Abgeordneten des Landtags. Über 1.500 Frauen und Männer haben bisher im Parlament unserer Demokratie gedient. Ich freue mich daher, auch viele ehemalige Abgeordnete in unseren Reihen begrüßen zu dürfen, stellvertretend den dienstältesten Abgeordneten und langjährigen Vizepräsidenten Hans-Ulrich Klose. Auch Ihnen gilt mein Willkommensgruß. Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben durch ihre Arbeit die politische Kultur unseres Landes geprägt. Diesem Anspruch folgten bereits die ersten 200 Abgeordneten, die sich am 2. Oktober 1946 zur ersten Landtagssitzung im Düsseldorfer Opernhaus versammelten. Das Land lag in Trümmern, nicht jedoch der demokratische Wille. Ministerpräsident Amelunxen stellte damals klar: "Wir sind der Überzeugung, dass der Staat für die Menschen geschaffen ist, dass die Regierung dem Volke gehört und nicht das Volk der Regierung." Diese Worte, meine Damen und Herren, werden hoffentlich niemals mehr verhallen.
 
IV. Schon Bundespräsident Theodor Heuss wusste: "Demokratie ist nie bequem." Das mussten die ersten Abgeordneten auch buchstäblich erfahren. Auf Klappstühlen tagten sie bis 1949 in den Düsseldorfer Henkelwerken. Groß war die Hoffnung auf bessere, auf friedliche Zeiten. Diese Hoffnung verband die Landespolitiker der ersten Stunde mit den Menschen zwischen Rhein, Ruhr und Weser. Wichtig ist mir dabei: Die Menschen selbst gaben den Anstoß für den Aufbau Nordrhein-Westfalens. Sie zeigten sich nach dem Wortlaut unserer Landesverfassung "erfüllt von dem Willen, die Not der Gegenwart in gemeinschaftlicher Arbeit zu überwinden, dem inneren und äußeren Frieden zu dienen, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für alle zu schaffen". Dieses Bekenntnis ist seitdem das Fundament für die Arbeit aller Abgeordneten.
 
V. Ebenso wie das Leben im Land hat sich das Parlament in 60 Jahren weiter entwickelt. Der Umzug unserer Volksvertretung ins Ständehaus war ein wichtiger Schritt zur Festigung der demokratischen Strukturen. Die Abgeordneten hatten zwar keine eigenen Büros und schrieben ihre Reden auf den Fluren. Doch vielleicht wirkte gerade deshalb der parlamentarische Alltag damals spontan und vertraut zugleich, wie mir heute noch erzählt wird. So wie die meisten Menschen habe auch ich die Zeit der aufkeimenden Zuversicht in guter Erinnerung. Zusammen mit vier Geschwistern lebten wir bescheiden - ohne Auto und Urlaub, aber wir waren glücklich und zufrieden. Heute, meine Damen und Herren, können wir sagen: Die positive Stimmung, mit der die Menschen damals in die Zukunft schauten, war die entscheidende Antriebskraft für den Aufschwung unseres Landes. Wie weit wir den 1946 angetretenen Weg schon vorangeschritten sind, das zeigt das Landtagsgebäude am Rheinufer, in dem unser Parlament seit 1988 sein Zuhause hat. Schon Landtagspräsident Karl Josef Denzer lobte das neue Haus als "Zeichen einer transparenten Demokratie". Er hat Recht: Wir wollen Transparenz - und wenn ich hinzufügen darf: Geheim bleibt im Landtag wirklich nichts.
 
VI. Heute wie vor 60 Jahren gehört der Wandel zu den Antriebskräften unseres Landes. Gäbe es keinen Wandel, dann gäbe es Stillstand. Diesen Stillstand dürfen wir uns in einer globalisierten Welt nicht erlauben. Deshalb empfehle ich auch heute Mut und Zuversicht zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen. Drei Stärken unseres Landes, unseres Landtags möchte ich herausheben: die Freiheit, die Vielfalt und die Verantwortung.
 
VII. Die Freiheit gehört mit zu unseren wertvollsten Gütern. Die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen in Nordrhein-Westfalen zu wahren, das ist ein zentraler Anspruch des Landtags.
 
VIII. Ebenso bedeutend wie die Freiheit ist die Vielfalt für Nordrhein-Westfalen - ich meine die unverwechselbaren Eigenschaften. Sie schaffen die Grundlage für die Identität aller Menschen, die sich unserem Land verbunden fühlen - auch diejenigen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Die reiche Vielfalt Nordrhein-Westfalens und seiner Regionen konnten wir im August beim Bürgerfest zum Landesjubiläum hautnah miterleben. Allein über 60.000 Besucherinnen und Besucher konnten wir zu diesem Ereignis im Landtag begrüßen. Das enorme Interesse der Bevölkerung an unserer politischen Arbeit hat mich darin bestärkt, uns noch mehr zu bemühen, den Menschen unsere politische Arbeit näher zu bringen.
 
IX. Was wären Freiheit und Vielfalt ohne Verantwortung! Verantwortung für unsere Mitmenschen und für unser Land. Ich bin überzeugt: Das Miteinander der Menschen, das Füreinandereinstehen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, prägen unser Leben mehr als alles andere. Nordrhein-Westfalen ist das Land, in dem Freiheit und Solidarität auch im Lebensgefühl der Menschen untrennbar zusammengehören. Besonders wichtig ist mir die Mitwirkung der jungen Generation. Ihre Bildungschancen gilt es zu verbessern. Dann wird auch ihr Interesse an der parlamentarischen Demokratie wachsen. Das ist das Credo des Landtags für die nächste Zeit. Denn nur wenn auch die folgenden Generationen Demokratie als einen gestaltbaren Prozess begreifen, können Freiheit, Vielfalt und Verantwortung in Nordrhein-Westfalen weiterhin gedeihen.
 
X. Der jungen Generation die parlamentarische Demokratie nahe zu bringen, gerade auch in den neuen Demokratien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, das war auch das Anliegen eines Mannes, dessen Namen untrennbar mit dem Land und dem Landtag verbunden ist. Ich meine Johannes Rau, der 40 Jahre Abgeordneter war und der den Landtag stets als den zentralen Ort seines politischen Wirkens bezeichnet hat. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, diesen Festakt heute mit uns zu feiern. Ich halte die heutige Feierstunde für außerordentlich gut geeignet, ein Vorhaben des Landtags publik zu machen, dass an diesen verdienten Parlamentarier und großartigen Menschen würdig erinnert: Der Landtag wird in Zukunft ein Stipendien-Programm für junge Menschen ins Leben rufen, das den Namen Johannes Rau trägt. Es soll Nachwuchswissenschaftler aus jungen Demokratien Mittel- und Osteuropas fördern und ihnen das Rüstzeug zum Aufbau demokratischer Strukturen in ihren Heimatländern vermitteln. Diese vom Landtag finanzierten Stipendien werden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Parteienrecht der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vergeben. Verehrte Frau Christina Rau, ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Einverständnis zu diesem Stipendien-Programm. Es wird damit bleibend und gestaltend an Johannes Rau erinnern.
 
XI. Johannes Rau hat einmal gesagt: "Wir dürfen unseren Kindern nicht vorgaukeln, die Welt sei heil. Aber wir sollten in ihnen die Zuversicht wecken, dass die Welt nicht unheilbar ist." Ich finde: Das haben die Menschen in den 60 Jahren des Bestehens unseres Landes bewiesen.
 
Lassen Sie uns weiterhin mit Freude das Zusammenleben in Nordrhein-Westfalen gestalten!
 
Hierzu wünsche ich uns allen Mut, Zuversicht und Gottes reichen Segen.